Zunehmend aggressives Verhalten von Schüler/innen ist eine Auswirkung der grundlegenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse. Die veränderten Lebensbedingungen, unter denen die Kinder heute aufwachsen, erschweren die Vermittlung von allgemein anerkannten Werten, Normen und Verhaltensweisen.
Um der Entstehung von Gewalt und Gewaltbereitschaft entgegenzuwirken, sind in erster Linie direkte erzieherische Einflüsse von Elternhaus und Schule sowie bei Bedarf weiterer Experten wichtig. Diesen kooperativen Weg beschreitet unsere Schule seit geraumer Zeit.
In ihrer Begrüßung beim gut besuchten Elternabend - auch einige Lehrkräfte waren anwesend - zum Themenfeld Gewaltprävention verwies unsere Rektorin, Frau Armbruster, auf die drei Maßnahmenbündel im laufenden Schuljahr:
Die beiden versierten Experten appellierten an die Eltern, bei Auffälligkeiten ihrer Kinder gegenzusteuern und sich nicht zu scheuen, rasch Kontakt mit der Schule, Psychologischen Beratungsstelle oder/und Polizei aufzunehmen.
Nach der Klärung des Begriffs Gewaltkriminalität zeigte Experte Martin Matt anhand der amtlichen Straftatenstatistik einen Anstieg der erfassten Fälle bei Jugendlichen und Heranwachsenden, während sie bei Kindern fast unverändert waren.
Zu Beginn seiner Arbeit in den Schulklassen hatte er den Schüler/innen verdeutlicht, dass nicht nur die körperliche Gewalt, sondern ebenso seelische Verletzungen - beispielsweise durch das Mobbing - zur Gewaltausübung zählen. Das Opfer bestimmt, wo die Grenze zur Gewalt überschritten wird, nicht die/der Täter/in!
Nach einem aufrüttelnden Informationsfilm, in dem auch mögliche Strafen gezeigt wurden, konnten die Schulklassen über Rollenspiele zur Gewaltvermeidung lernen, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen. Ein Schnuppertraining zum situationsadäquaten Verhalten bei Angriffen machte klar, dass es wichtig ist, immer eine Reaktion zu zeigen. Das kann auch die Flucht sein, wenn die Gewalttäter/innen in der Überzahl sind.
Beim oft in den Klassen angesprochenen Mobbing in der Schule muss zuerst die Hilfe von den Mitschüler/innen kommen, da diese Gewaltform selten gleich von Erwachsenen registriert wird. Natürlich sollen dann die Lehrkräfte sofort um Hilfe gebeten werden. Zum Schluss gab es noch ein Lob des Kommissars für die gute Mitarbeit der Schulklassen.
Weiterführende Informationen finden sich auf der Homepage www.polizei-bw.de, dort unter der Schaltfläche „Prävention“:
Diplompsychologe Matthias Wohlfahrt-Sieben machte klar, dass ohne Präventionsarbeit die Gewaltkriminalität vermutlich schon längst weiter angestiegen wäre.
Er ermunterte, die Dienste der Beratungsstelle frühzeitig in Anspruch zu nehmen. Es besteht sogar ein Rechtsanspruch auf Beratung!
Ausgehend von einem kleinen Experiment zur Selbsteinschätzung des Begriffs Aggression (lat. aggredi heranschreiten, herangehen, sich nähern, angreifen) zeigte der Experte zuerst die negativen Seiten auf.
Das Experiment war als ein auflockerndes Element im Rahmen der gemeinsamen Abende mit dem Polizeibeamten gedacht. Bei den Ergebnissen war zu beobachten, dass sich der Mittelwert über alle Befragten immer um die 50 einpendelt. Ebenso ist interessant, dass der niedrigste Wert – also die Einschätzung eines Teilnehmenden – fast immer sehr tief ist, manchmal sogar bis 0! (was heißt, dass die betreffende Person die aggressive Energie in uns als äußerst negativ bezeichnet). Der höchste Wert liegt oft bei 100, also im Vergleich mit den beiden einzelnen Personen eine völlig andere Einschätzung. Wichtig ist bei all dem die Definition von Aggression. Es ging um die Energie in uns, die etwas angeht, an etwas herangeht, eben aggressiv ist (aggredi = an etwas herangehen). Dies ist natürlich nicht mit Gewalt gleich zu setzen!Bei eher gewalttätigem Verhalten sind keine befriedigenden Lösungen möglich, menschliche Nähe und Begegnung werden viel schwieriger. Solche Jugendlichen finden ihre Anerkennung oft nur in Cliquen, die gewalttätig unterwegs sind. Die soziale Ausgrenzung ist dann absehbar. Dass die positiven Aspekte (das „Herangehen“) dem Aggressionspotenzial zugeordnet werden, ist weniger bekannt:
- Mut zur Zivilcourage
- Kraft für Leistungswillen
- Überwindung von Angst
- Kraftvolles Auftreten zur Wahrung der Selbstschutzgrenzen
- Innere Stärke und Selbstwertgefühl
Eltern und Lehrkräften gab der Experte nützliche Tipps zur Lösung von Konflikten. Einigkeit besteht in der Abfolge des Vorgehens („cool“ bleiben, also deeskalieren, sich gegenseitig zuhören, bereit sein für Kompromisse). Doch der Alltag zeigt, dass dies nur klappt, wenn es trainiert wird wie bei den Streitschlichter/innen an den Schulen. „Kinder sind die beste Selbsterfahrungsgruppe“, meinte der Referent mit Blick auf die Dauerrolle von Eltern als Streitschlichter. Eine das Gegenteil bewirkende Erwachsenenperspektive ist der klassische Appell an die „Einsicht“, wenn die Sanktionen beispielsweise nach Sachbeschädigungen in der Schule abgeschlossen sind.
Wenn Eltern dauerhaft verschieden, also inkonsequent, auf dasselbe unerwünschte Verhalten ihrer Kinder reagieren, schaffen sie damit oft eine Ursache für gewalttätiges Verhalten junger Menschen. Konsequentes erzieherisches Verhalten kann beispielsweise mithilfe der Beratungsstelle gelernt werden: www.caritas-kinzigtal.de
In den Schulklassen prallt die zunehmende Aufspaltung der Gesellschaft zusammen und das kann zu mehr Gewalt führen. Einen immer größeren problematischen Einfluss hat inzwischen das Internet. Hierzu und zu anderen möglicherweise gewaltfördernden Alltagsbereichen gab der Experte weitere Tipps einschließlich einer Liste von Links und Infos zum World Wide Web.
Heinz Kiehl